Ulf Poschardts neues Buch Bückbürgertum ist mehr als die Fortsetzung seines Bestsellers Shitbürgertum – es ist eine provokante Selbstbefragung und vor allem Selbstreflektion des konservativen Milieus. Doch schaute der WELT-Autor dabei auch in einen Spiegel?
Ulf Poschardt (Foto: Westend-Verlag)
Nachdem Poschardt in Shitbürgertum mit dem linksliberalen Milieu abrechnete, richtet er den Blick nun auf diejenigen, die ihm damals applaudierten. Der Bückbürger ist für ihn jener Typus des deutschen Bürgers, der aus Bequemlichkeit, Statusangst und Anpassungsbereitschaft auf eigene Haltung verzichtet. Manager, Journalisten, Politiker, Kirchenvertreter – sie alle erscheinen als Akteure einer schleichenden Selbstentmächtigung. Doch wer ist der Bürger?
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Und wen spannt er dabei (wieder) aus? - als UrWessi kann er einfach nicht anders und vergisst dabei in seiner eigenen Verliebtheit, dass spätestens seit 1990 rund 15 Millionen weitere Menschen dieses Deutschland bereicherten. Ob nun mit ihren Fähig- oder Fertigkeiten, die den Westdeutschen in ihrer Verliebt- und Geborgenheit einer allseits umsorgenden und in Ansätzen noch funktionierenden Bürokratie still und leise abhanden gekommen war.
Beispiel: Poschardt spannt einen weiten historischen Bogen: von den ersten Bückübungen über 1968 bis zum Siegeszug des Bückbürgertums von Merkel bis Merz. Das Buch ist eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik als Geschichte des Rückzugs. Die er selbst vollständig und ich seit 1990 ständig miterleben musste. Wollte ich das? Keiner fragt danach - auch Ulf nicht.
Die eigentliche Pointe: Poschardt schreibt kein weiteres Buch gegen die politische Linke. Stattdessen nimmt er die eigene gesellschaftliche Herkunftsschicht ins Visier. Auch die der Porsche-Fahrer. Die kulturelle Dominanz progressiver Milieus sei nicht deren eigentliche Leistung gewesen, sondern vor allem deshalb möglich geworden, weil das Bürgertum auf Widerstand verzichtet habe.
Was ist mit denen, die keinen Porsche fahren durften? Die richteten sich ein: Im Queck Junior hinterm Wartburg zum Camping-Urlaub am Ostseestrand oder in einem Ferienheim der DDR-Gewerkschaftsbundes. Oder in Leuna II oder Bitterfeld. In meiner Ersterlebenswelt bis 1990 gab es sowas wie das progressive Milieu nicht. Da gab es die Mitmacher, die Erdulder wie mich und es gab die Aufrichtigen, die sich in kleinen Kreisen, in Kirchen trafen und sich nicht bücken wollten. Gab es das wirklich für die Menschen in dem anderen Deutschland, das Poschardt bis zur Wende vielleicht überhaupt nicht kannte? Aufrecht statt bücken?
Cover (Foto: Westend-Verlag)In seinem Buch gibt es sogar ein eigenes Kapitel über den gebückten Poschardt, in dem er einräumt, bis 2016 an die offene Gesellschaft geglaubt und die skeptische Haltung Peter Sloterdijks zur Flüchtlingspolitik zu Unrecht kritisiert zu haben. Wenn man in seiner Biographie stöbert, dann ist das nicht ganz der normale Werdegang eines Journalisten in der ehemaligen DDR. Doch mit 1989 war es vorbei, warum bei Poschardt erst 2016? Was brauchte es, um von der SZ zum Herausgeber der WELT zu mutieren?
Ich brauchte nicht Sloterdijk, ich sah die Katastrophe mit meiner Ost-Antenne spätestens kommen, als Bodo Ramelow auf einem Thüringer Bahnhof den ersten Zug mit Flüchtlingen in Empfang nahm und von einem der schönsten Tage in meinem Leben” in mdr-Mikrofon quasselte. Ende 2014 hatte ich den Linken noch gewählt. Doch der Bahnhof Saalfeld war der Knackpunkt.
Man liest Bückbürgertum selten neutral – es zwingt zur Stellungnahme. Ich als Ossi vordringlich fremdelnd. Die Sprache ist nah an Poschardts Podcast-Stimme, was die Lektüre leichtfüßig macht, aber die kritische Distanz erschwert. Sie ist aber auch beunruhigend. Eigentlich kotzt es ihn an, wenn er morgens aufsteht, den Ticker liest und schon den Rest des Tages vergessen will. Dann wird losgelegt, schließlich ist er aktuell der freieste Autor bei Springer. Und dann muss einfach alles raus, er schlägt mit feiner Klinge unentwegt um sich. Kollateralschäden werden eingepreist.
Trotz des Buches - ich mag ihn. Er erhebt seine Stimme. Er traut sich, weil er frei ist. Ideell und finanziell, so wie viele andere Kollegen in diesem Land. Er erzielt Wirkung durch die Verdichtung der Sachverhalte. Seine Zielrichtung ist geblieben: das Bürgertum. Das einst in der Vergangenheit so viel Gutes und Schönes über dieses Land brachte und nun - vor lauter Bücken - nicht mehr geradeaus sehen kann.
Das macht ihn - den intellektuellen Schreiber - zu einer wichtigen Stimme in diesem Land für jene, die sich nicht zufrieden geben wollen mit dem IST, mit dem schleichenden Abwärtstrend in Bildung und Wirtschaft, in Kultur und Fußball - also dem Spiegelbild, in das wir jeden Tag schauen müssen. Hoffentlich knallt Poschardts Kopf nicht eines Tages gegen diesen Spiegel.
Lieber Poschardt, schau bei deinen nächsten - durchaus berechtigten - Rundumschlägen gegen Politik, Kultur, angepasster Wirtschaft und dem allgemeinen Drumherum mal in Richtung Osten. Dort leben Menschen, deren Erfahrungsschatz vielleicht riesig groß ist, wenn es um solche Belanglosigkeiten” wie Demokratie, Mitmachen, Stolz sein oder Dazugehören geht. Wir hier von Rostock bis Annaberg Buchholz wissen nicht nur, wie Diktatur geht”, sondern auch wie der Runde Tisch” funktionierte, um sich - wie Hermann Kant es sagte - selbst am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Bückbürgertum ist eine schwierigere, intellektuelle Selbstbefragung. Es wird viele faszinieren und andere zur Weißglut treiben. Aber es liefert einen seltenen Beitrag: eine streitbare, selbstkritische Analyse aus dem konservativen Lager selbst. Und beim nächsten Mal, lieber Ulf Poschardt, einfach den Blick auf den anderen” Teil Deutschlands richten. Vielleicht auch mal was abgucken. Von uns Ossis. Peter-Stefan Greiner