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Di, 09:17 Uhr
16.06.2026
Meine Meinung

Wir waren kein Unrecht

Am 17. Juni sprechen mehrere hochrangige Thüringer, darunter Ministerpräsident Mario Voigt, im Nordhäuser Bürgerhaus über das DDR-Unrecht. Die Reduzierung der DDR auf dieses Unrecht aber führt nach Ansicht nicht weniger Ostdeutscher zur Missachtung des tatsächlichen Lebensgefühls der damaligen Zeit. Bodo Schwarzberg mit seiner Kolumne...

Bild:
Gebäude in Neubrandenburg (Foto: ZYX auf Pixabay)

Die meisten der heute Verantwortlichen, die meisten einst als Wendehälse bezeichneten Mitbürger und erst recht die meisten Westdeutschen, die am Auf- und Aussaugen der ehemaligen DDR qua "Einigungsvertrag" beteiligt waren, sollten lernen, dem Volk aufs Maul und in die Köpfe zu schauen.

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Von den meisten Ostdeutschen wird natürlich das Unrecht zwischen 1949 und 1989 gesehen und auch nicht beschönigt, jedoch vermissen große Teile der älteren ostdeutschen Bevölkerung eine Berücksichtigung ihrer persönlichen Erzählungen und Empfindungen aus IHRER DDR-Vergangenheit. Ich habe mehr als 1.000 überwiegend Ostdeutsche zwischen 1999 und 2013 interviewt und hörte das immer wieder.

Ein Faktor für dem Zuspruch, den die AfD erfährt, ist doch, dass sich große Teile der ehemaligen DDR-Bevölkerung nicht verstanden fühlen, dass die Dinge, die vor 1989 nachweislich besser waren, von den heute politisch Verantwortlichen verschämt verschwiegen bzw. vermieden, und kaum mal publiziert oder zu Gehör gebracht werden. Der Slogan „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“, - ja, diese unausgesprochene ideologisch determinierte Linie der DDR-Führung, die jeder DDR-Bürger empfand, gibt es heute rückblickend auf die DDR bezogen, und die positiven Erfahrungen ihrer Bewohner, also um 180 Grad gedreht, wieder.

Ich selbst hatte eine Stasiakte und durfte eine Zeitlang nicht studieren, weil ich mich kritisch mit der DDR-Umweltpolitik auseinandergesetzt habe. Jahrelang musste ich mich später gegen die penetranten Werbungen der SED auf Mitgliedschaft wehren.

Aber gerade unter den sich oft widersprechenden Erfahrungen vieler Menschen in der DDR habe ich gelernt, zu differenzieren, das heutige System nicht weniger kritisch zu betrachten, als das damalige, und ich wehre mich vermutlich im Namen vieler Ossis dagegen, das uns einst vermittelte Schwarz-Weiß-Schema über den Westen, heute, nun bezogen auf unser Geburtsland, noch einmal erleben zu müssen.

Die heute Verantwortlichen, von Voigt bis Merz sollten endlich begreifen, dass die Zeit vor 1990 für wohl über 90 Prozent der DDR-Bevölkerung zwar von Entbehrungen und Einschränkungen, aber nicht, wie heute, von unmittelbarer Bedrohung ihrer materiellen Existenz, von permanentem Stress, Kriegsangst und Unsicherheit, auch massiver Ungleichheit, geprägt war, sondern auch von viel Zusammenhalt, von zahllosen schönen Erlebnissen und Erfahrungen, von Partys, Urlaubsflirts, Nachbarschaften und vielem mehr.

Vieles von dem, was es vor 1990 gab, ist heute vielerorts Geschichte: Kneipen auf dem Dorf, Züge fast überall hin, die, wenn auch oft verspätet, im Gegensatz zu heute, tatsächlich kamen, Kneipen in fast jedem Bahnhof und viele Kneipen in den meisten Dörfern als Zentren der Geselligkeit, mehr Gemeinschaftsmöglichkeiten, als „nur noch“ bei der Freiwillige Feuerwehr, Frei- und Hallenbäder, die nicht wegen Geldmangel geschlossen wurden, der unvermeidliche Dorfkonsum, bessere Schulen als das heutige Bildungsdesaster.

Mit unzähligen materiellen Gütern, die es heute gibt, und auch mit den heutigen, damals uns verwehrten Freiheiten, kann man nicht alles, was die Menschen damals empfanden und erlebten, übertünchen und ausschalten.

Das bedeutet nicht, liebe Politiker, dass das Unrecht der DDR nicht benannt und verurteilt werden muss, nicht die Mauertoten, nicht die politischen Häftlinge, nicht die Herabwürdigungen und Verfolgungen durch das MfS.

Aber machen Sie es bitte besser. Malen Sie nicht schwarz-weiß, geben Sie mehr Ostdeutschen ein Gefühl von Sicherheit und berücksichtigen Sie mehr ihre Werte und Erinnerungen. Es sind Ihre Wähler.

Die von vielen gefühlte Arroganz des Westens über den Osten und dessen Bewohner: Machen Sie da nicht mit. Und sehen Sie hinter all dem Unrecht auch das damalige Lebensgefühl der Ostdeutschen und deren unglaubliche Leistungen unter schwierigen Bedingungen.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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Kommentare
echter nordhäuser54
16.06.2026, 10:28 Uhr
Wir waren kein Unrecht
Sehr guter Kommentar Herr Schwarzberg,gebe Ihnen zu 100% Recht.
Leser X
16.06.2026, 10:29 Uhr
Wenn ein System am Ende ist...
... muss wohl ein vorheriges, schon zu Ende gegangenen System, madig gemacht werden, um das jetzige kranke System reinzuwaschen.

Ich erkenne mich jedenfalls regelmäßig so gar nicht wieder, wenn mir von irgendwelchen Leuten meine Vergangenheit "erklärt" wird, in der ich mich durchaus wohlfühlte und ein Großteil heutiger Sorgen Hausverbot hatten.

Und was das Thema Unrecht bzw. Ungerechtigkeit betrifft, nun ja, da sollten die Statthalter des jetzigen Systems vielleicht doch besser mal in sich gehen, bevor sie große Sprüche klopfen...
P.Burkhardt
16.06.2026, 12:04 Uhr
ja, man kann der Lebensweise in der DDR nachtrauern,
wenn man mit dem Eingesperrtsein und der ständigen Dauerpropaganda leben konnte und mit dem grauen, staatlich verordnetem KleinKlein zufrieden war.

Natürlich haben wir in diesem eng gesetzten Rahmen auch gelebt und Spaß gehabt, schöne Zeiten gehabt. Aber über Allem schwebte doch immer das Damoklesschwert: "Sag nichts Falsches, zieh die Westjeans nicht in die Schule an, geh mindestens 3 Jahre zur Fahne, wenn Du studieren willst, tritt unbedingt in die SED ein, wenn Du Karriere machen willst, usw. wir kennen das doch alle)

Was glauben Sie, wie leben die Menschen in Nordkorea ? Fühlen die sich unterdrückt ? Falls ja, würden sie es niemals zugeben - aus Angst vor der Kanonenerschießung ! Nicht ganz so krass, aber so war es doch auch in der DDR. Trotzdem spielen die Kinder auch in Nordkorea, feiern die Familien und haben sicher auch Spaß.

Sie haben Recht ! Heute gibt es diesen engen gesellschaftlichen Rahmen nicht mehr - die Möglichkeiten sind scheinbar endlos, die Welt riesig... und der Mensch ist frei, selbst zu entscheiden, wie er in diesem Umfeld sein Leben gestalten will - das das nicht immer klappt liegt in der Natur der Sache - und es ist ggf. stressig oder anstrengend... bequem sein darf man eben nicht, wenn man was erreichen will. Das gilt aber eigentlich auf dem ganzen Globus.

Richtig ist, dass viele "Wessis" ein falsches Bild vom Leben in der DDR haben, was aber nicht verwundern kann... sie haben da ja schließlich nicht gelebt.

Nicht "wir waren Unrecht" - unsere Unfreiheit war Unrecht !
warumauchimmer
16.06.2026, 12:50 Uhr
Die Welt dreht sich weiter...
Früher gab es auch in Städten in fast jedem Straßenzug ne Kneipe. Damals gab es nicht viel mehr Auswahl als in der Freizeit seinen Frust in Alkohol zu ertränken.
Heute sind die Leute mobil sind und haben viel mehr Auswahl ihre Freizeit nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten. Das ist etwas Positives.

Der vielbeschworene Zusammenhalt in der DDR ist ein Mythos. Niemand hat nach der Wende die Leute mit vorgehaltener Waffe gezwungen plötzlich nicht mehr nett zu ihren Nachbarn zu sein.

Das war vorher nur erzwungen durch den Mangel an alltäglichen Dingen. Es halt immer gut bei irgendwem einen Gefallen gut zu haben, falls man mal was braucht was es sonst nicht überall gab. Heute fährt man halt einfach in den Baumarkt und kauft es sich. Wenn ihr Nachbar Sie heute schneidet, machen Sie sich mal Gedanken... Nicht über den Nachbarn, über sich selbst...

Das die Leute von damals heute keine Urlaubsflirts mehr haben liegt nicht am System. Die Leute von damals sind heute halt einfach nur alt. Überall auf der Welt sind die Leute im Alter weniger jung, dynamisch und attraktiv. Vollkommen systemunabhängig.
Die Jugend hat heute noch jede Menge Urlaubsflirts.
rasska86
16.06.2026, 23:33 Uhr
Gute Einschätzung..
der ich nur zustimmen kann.
Meine Kindergarten - und Schulzeit war , selbst im Grenzgebiet, für mich eine Zeit voller schöner Erlebnisse, Abenteuer und
immer mit dem Gefühl behütet und wichtig zu sein. Selbst Essen und Trinken gab's genug 😜
Entbehrungen wie Telefon, Auto, Farbfernseher usw waren Nebensache, schließlich gab es wichtigeres mit den Freunden zu unternehmen. Telefon gab's in der Post des Dorfes, Busse fuhren mehrmals täglich in die Stadt und Kino monatlich im Ort. Anschließend Abi, ohne dreijährige Armeezeit (!) , und zwei Facharbeiterausbildungen haben mir ein interessantes Arbeitsleben beschert.
Diese ständige Reduzierung der DDR Vergangenheit auf Stasi, SED, Mangelwirtschaft und Unrechtsstaat ist einseitig, oberflächlich, arrogant und zeugt von wenig Empathie. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Zeit erlebt habe und auch die nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Licht und Schatten gibts heute wie damals.....
diskobolos
17.06.2026, 10:45 Uhr
Das Thema DDR . . .
ist viel zu komplex um es hier kurz zu diskutieren.

Wer jedoch Nordkorea zum Vergleich heranzieht, hat in mindestens einem der Länder nicht gelebt.

Tatsächlich erinnern sich viele Ältere heute an einer sehr schöne Kindheit in der DDR, ich auch. Das muss doch Gründe haben . . .

Das Leben war auch wesentlich einfacher: Man denke nur an das Thema Krankenversicherungen. Damit könnte man heute ganze Bücher füllen. Und früher: der grüne Ausweis . . .
Und wer hat sich damals mit „Steuern“ beschäftigt?
Sorgen um die Zukunft hat man sich kaum gemacht und die Vorstellung, dass es die eigenen Kinder mal schwerer haben könnten, war nicht sehr verbreitet.

Rechts- oder Unrechtsstaat sind sehr unscharfe Begriffe. Man könnte die BRD eher als einen Rechtsmittel-Staat bezeichnen. Heute könnte (müsste) man ständig gegen etwas klagen. In der DDR wusste man kaum, wie man das anstellt, oft half eine "Eingabe" auch mehr.
Ob das Leben oder die Politik als gerecht oder ungerecht empfunden werden, ist höchst subjektiv . . .
P.Burkhardt
17.06.2026, 11:56 Uhr
Ich glaube, da wurde ich falsch verstanden
@dikobolus...

Nordkorea habe ich als ein (zugegeben krasses) Beispiel für staatliche Repression heran gezogen und dargestellt, dass trotzdem die Menschen schöne Erlebnisse haben können, was aber nichts an der staatlichen Allmacht und Unterdrückung nichts ändert.

Genau da habe ich die Parallele zur DDR gezogen. Ja, wir hatten schöne Momente. Wegen der staatlichen Lenkung nahezu aller Bereiche war das Leben auch (wie Sie es ja beschreiben) einfacher....aber eben unfrei. Wer versuchte sich dieser staatlich vorgegebenen Lebensweise zu entziehen oder auch nur sie in Frage stellte, dem drohten (und das werden Sie nicht leugnen) ggf. empfindliche Einschnitte (an der Arbeit, bei der Ausbildung oder im Schlimmsten Fall auch Gefängnis oder Zuchthaus). So lange der btave Bürger sich eben den Anstrich des braven SED-Gefolgsmannes gab, war für ihn die Welt (im Rahmen der sehr eingeschränkten Möglichkeiten in der DDR) in Ordnung, und ohne große Ansprüche auch weitgehend bequem... genau das meine ich mit Unfreiheit. Die Freiheit selbst zu entscheiden, wie man leben will... die gab es in der DDR eben nur in sehr eingeschränktem Umfang.

Die Einschränkungen heute ergeben sich im Wesentlichen aus wirtschaftlichen Schranken. Allerdings hat jeder (ab einer gewissen Generation) die Chance, diese mit Fleiß und Engagement zu überwinden egal wie kritisch er dem Staat gegenüber steht... natürlich gibt es immer Einflüsse, die nicht vorhersehbar sind und trotz Fleiß und Engagement dem entgegen stehen können.

Ich hoffe, dass Sie meinen Standpunkt nun besser einordnen können - so unter uns beiden gelernten DDR-Bürgern.
Teja
17.06.2026, 13:28 Uhr
Subjektiv
Richtig Kobold,so denke ich auch.Jeder hier hat entsprechend seiner Erlebnisse eine eigene Sicht auf die Vergangenheit.
Aber auch einen Vergleich zu heute,und dieser bringt für viele Nachteile,die es früher nicht gab.Dies wird aber permanent durch die Herrschenden abgestritten.Aber viele Bürger sehen das anders,siehe Wahlumfragen.
diskobolos
17.06.2026, 13:54 Uhr
@warumauchimmer
"Der vielbeschworene Zusammenhalt in der DDR ist ein Mythos, . . .
Das war vorher nur erzwungen durch den Mangel an alltäglichen Dingen."

Das halte ich nun wieder für ein aus der Alt-BRD kommende Sicht, mit der der Unterschied zum eigenen beschönigt wird.

Freundlichkeit, gegenseitige Hilfe und Solidarität sind doch eigentlich einfach menschlich. Dass es heute anders ist, liegt auch an den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Konkurrenz ist jetzt das grundlegende Prinzip. Zwischen den Firmen wie auch zwischen den Werktätigen (oder heute AN). Wem bei der nächsten Flaute die Kündigung droht, der wird über private Probleme nicht so leicht reden.

Noch eins: Wenn in der DDR eine Verkäuferin oder ein Kellner freundlich war, dann weil sie/er es so wollten. Heute ist das "Was kann ich für Sie tun . . ." erzwungen, dem wirtschaftlichen Druck geschuldet und meist icht ehrlich gemeint.
RWE
17.06.2026, 17:10 Uhr
diskobolos: ein Kellner, der nicht freundlich ist
bekommt von mir kein keinen müden Heller Trinkgeld (wenn es passt bin ich großzügig) und der Arbeitgeber und der Kellner sollten überlegen, ob so eine Person im Service gut aufgehoben ist. Heute sollte der Kunde König sein. In der DDR gab den abwertenden Spruch "Was ist denn das für ein Kunde?" Kunde war also ein Schimpfwort.

Und rasska86, bei dem von ihnen beworbenen Telefon in der Post wäre es wahrscheinlich auch geblieben...☺☺
Und wenn materielle Bedürfnisse wirklich nur Nebensache waren, frage ich mich, warum man sich an den Fenstern der Intershops die Nase plattgedrückt hat, man sich an Schlangen angestellt hat ohne zu wissen was den gerade gab und selbst einfache Dinge wie eine LP (oder einfach nur eine Tape mit Westmusik) , eine Bravo oder ein Kicker wie eine Reliquie behandelt wurden. Unvergessen der sehr böse) Spruch "Lieber AIDS als gar nichts aus dem Westen..." Dumm, selbstironisch, zynisch-hat aber die Stimmung auf Punkt gebracht.
Klar konnte man in DDR schöne Momente erleben, das streitet keiner ab.
Junge21
17.06.2026, 18:50 Uhr
Wie war es in der DDR?
Solange man es gut fand, eingesperrt im Land zu sein,war es wohl in Ordnung. Sobald man es nicht gut fand, gar noch dagegen aufbegehrte, fand man sich schnell und hart in Repressalien oder gar im Knast wieder. Ich empfehle das Buch " Knastmauke", von Sibylle Plogstedt. Oder ganz brutal, die Zwangsadoptionen! Das übelste, grausamste, was man Eltern antun kann. Nein, danke, mein Blick zurück ist nicht verklärt. Und deshalb wehret den Anfängen vor diktaturähnlicher Politik mit Meldestellen und aufgezwungenen anderen absonderlichen Dingen.
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