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Der Bitcoin-Wahnsinn

Ohne Tellerwaschen zum Millionär

Sonnabend, 06. Januar 2018, 09:01 Uhr
Thüringer gelten als die Aktien-Muffel Deutschlands. Nirgendwo gibt es prozentual weniger Besitzer von Anteilscheinen an Unternehmen als im Freistaat. Das dürfte in Nordthüringen sowie im südlichen Sachsen-Anhalt kaum anders sein...

Bitcoin-Hype (Foto: pixabay.com)
Statt angeblich „volkseigener Betriebe“ wie in DDR-Zeit bieten Aktien nämlich tatsächliche Teilhabe des Volkes an der Wirtschaft. Das es sich nicht jeder leisten kann, steht auf einem anderen Blatt.

Allerdings waren die Volksaktien, mit denen Volkswagen und Preußag schon vor Jahrzehnten in der alten Bundesrepublik neue Käuferschichten erschlossen, durch den Reinfall mit den Telekom-Papieren, „Zugpferd“ Manfred Krug sei es geklagt, und die geplatzte Blase des Neuen Marktes in Verruf geraten.

Bei der vPrivatisierung vormals staatlicher Monopole dachte der Bundesfinanzminister eben mehr an seine Kasse als an kleine Anleger. In Jahren mit Null- oder sogar Minuszins ist die Aktie tatsächlich eine Alternative zum Sparschwein, ganz zu schweigen vom Versteck unter dem Kopfkissen.

Unwiderlegbarer Beweis: Dümpelte der Dax, der Gradmesser der dreißig bedeutendsten Unternehmen in Deutschland, nach der Finanzkrise von 2008 um die
2 500 Punkte, so hat er am Ende des Börsenjahres 2017 erstmals die 13 000-Marke übersprungen. Das brachte erhebliche Kursgewinne und dazu meistens noch satte Dividende.

Freilich sind Wertpapiere kein Mittel zur schnellen Spekulation. Anleger brauchen einen langen Atem und genügend Reserven, um kurzfristige Verluste wegstecken zu können. Egal, welchen Zeitrahmen man auch wählt, auf lange Sicht sind Aktien in der ganzen Breite binnen zwölf bis 15 Jahren stets über die Ausgangsposition gestiegen. Nur sollte niemand auf Angebote mit verlockend hoher Rendite hereinfallen, die in den meisten Fällen herbe Enttäuschungen bringen. Sicherheit hat schließlich ihren Preis.

Wer wollte bestreiten, dass der Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ heute noch in Erfüllung gehen kann! Bitcoin hat jetzt Zweifler eines Besseren belehrt. Diese künstliche, also Digitalwährung schoss im Vorjahr bei rund 1 700 Prozent Steigerung zeitweise auf mehr als als 20 000 $! Ein Bitcoin-Investor in der Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen“, Tino Sabetta (34), berichtete in der „Sonntagszeituung“: Aus zwei Bitcoins, die er 2013 für 165 erworben hatte, sind in vier Jahren rund 20 000 geworden. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, rät der Volksmund.

Bei der Kryptowährung Bitcoin was vorher niemand ahnen konnte verwandelte der Hype im Internet eine Investition von tausend Bitcoin zu Anfang 2013 in stolze 1,1 Millionen im vergangenen Jahr. Inzwischen trat ein kleiner Absturz ein, der zu Beginn von 2018 zum Teil wieder aufgefangen wurde. Es wird weitere Schwankungen geben. Deshalb ist es spannend, den richtigen Zeitpunkt nun noch für den Einstieg oder die Gewinnmitnahme zu finden.

Der Bitcoin steht im Verdacht, eine Plattform für Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Terror-Finanzierung zu sein. Deshalb erwägen Regierungen und Notenbanken eine strenge Regulierung. Auf dem nächsten Gipfeltreffen der Finanzminister und Notenbank-Präsidenten der G20-Staaten im April soll darüber beraten werden. Die EU-Kommission und das Europäische Parlament wollen ebenfalls gegen illegale Transaktionen vorgehen. Banken warnen seit Jahren vor der Gefahr des Totalverlustes.

Wenn Bestände von Bitcoin-Plattformen gestohlen würden, bestehe kein Rechtsanspruch auf eine Erstattung. „Man sollte diese virtuelle Währung nicht vorschnell abschreiben“, meint hingegen Clemens Fuerst, Präsident des Ifo-Institutes in München. Der FDP-Politiker Frank Schäffer, der gegen die Euro-Rettungspolitik Sturm lief, sitzt im Aufsichtsrat der Bitcoin Group SE. Er erklärte: „Nicht ohne Grund sind die Notenbanken so nervös, weil sie nicht mehr Zugriff auf dieses Geld haben.“ Schäffer kaufte im Sommer Anteile an der deutschen Bitcoin AG für 4800 , inzwischen stiegen sie auf 30 000 . Seit 10. Dezember wird der Bitcoin an der Terminbörse in Chikago gehandelt.

„Die Idee, ein vom Staat unabhängiges Währungssystem zu schaffen, das dezentral funktioniert und weder von Regierungen noch Notenbanken eingeschränkt werden kann, hat mich fasziniert“, bekennt der FAZ-Mitarbeiter. „Ich ahnte, dass etwas Großes passiert, und ich wollte der Technologie zum Durchbruch verhelfen.“ Vor allem Griechen und Zyprer hätten so ihr Geld „in Sicherheit gebracht“. Stimmt das wirklich? Während die einen von „Goldgräber-
Stimmung“ schwärmen, warnen andere vor einem Crash wie beim Tulpen-Knall im 17. Jahrhundert, als eine Knolle 200 Monatslöhne kostete.

„Bitcoin ist ein einziger Betrug“, kritisiert Jamie Dimon, Chef der Großbank JP Morgan, „schlimmer als die Tulpen-Blase.“ Auch der amerikanische Star-Investor Warren Buffet rät von einem Engagement ab. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz forderte ein Verbot der Kryptowährungen. Inzwischen versuchen andere Geschäftemacher, auf der Bitcoin-Welle mitzuschwimmen. Für Otto-Normalverbraucher bestätigt sich eine andere Volksweisheit: Wenn es Brei regnet, fehlt es an Löffeln.

Seriöser klingt der frühere CDU-Politiker Friedrich Merz, heute bei Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, wenn er behauptet: „Fünf am Tag reichen, um reich zu werden.“ Wer diesen Betrag täglich in einen Indexfonds investiere, der die Wertentwicklung des deutschen M-Dax nachbilde, lege so 150 im Monat an „eine Summe, die für viele Haushalte machbar ist. Nach zehn Jahren haben sie 18 000 eingezahlt. Daraus wären mehr als 40 000 geworden“. Martin Roland
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