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Fr, 07:00 Uhr
09.02.2018
Lichtblick

„Aufreger des Tages“

Dieser Tage hörte ich im Radio die saloppe Formulierung eines Moderators, die mich sehr nachdenklich machte. Sie bringt unbewusst ein Problem zur Sprache, das wir uns sehr wohl bewusstmachen müssen. Der Moderator brachte im Ton der Entrüstung eines der vielen Probleme zur Sprache, auf dessen Kenntnisnahme wir vorgeblich ein Recht hätten...


Nun wird ja von einer nicht unerheblichen Zahl von Menschen die mediale Landschaft als gesteuert wahrgenommen und nicht der Wahrheit verpflichtet, was ich, mit meinen DDR-Erfahrungen, grundsätzlich in Frage stelle. Wenn in der heutigen Medienlandschaft, mit rechts- und linksorientierten Medienerzeugnissen, von „gelenkten Medien“ gesprochen wird, so ist das entweder ein Zeugnis von großer Naivität, von Geschichtsvergessenheit oder von bewusster und selbstgewählter Wirklichkeitsverweigerung.

Gelenkte Medien gab es im Nationalsozialismus und im realexistierenden Sozialismus der DDR. Alles was wir heute erleben ist eine Pluralität, die gerade ob ihrer Vielfältigkeit manchmal eine (Anfechtung und) Herausforderung ist. Wer soll hier die Medien bewusst lenken und leiten? Dass dies die Murdochs und Springers immer wieder versuchen, ist unbestritten. Sie stehen ja auch dazu, denn die Bildzeitung wirbt sogar offen damit, dass sie uns unsere Meinung bilden will (Bild Dir Deine Meinung) oder uns nach dem Munde redet (Bild, Dir Deine Meinung – nur ein Komma macht den gewaltigen Unterschied).

Solang es aber andere Medien gibt, die diese Meinungsmache in Frage stellen und mit Sachargumenten entkräften, ist von Lenkung oder gar Verdummung des Volkes nicht zu sprechen. Ich wage sogar zu behaupten, dass die Hypothese einer Mediengleichschaltung der eigentliche Verdummungsversuch des Volkes ist.

Gerade im weltweiten Netz haben Verschwörungstheorien ihre Konjunktur. Das ist nicht neu, wird aber deshalb nicht wahrer. Schon immer wurde versucht, Unerklärliches durch Geheimes verstehbar zu machen. Weltverschwörungen der Freimaurer, die sogar auf Dollarnoten ihre Insignien untergebracht haben, die Verschwörung des Weltjudentums in der gedanklichen Architektur der Nationalsozialisten (mit ihren verheerenden Folgen), Chemtrails am Himmel, die Nichtexistenz der Bundesrepublik Deutschland u.s.w.u.s.f. Je größer und abstruser der Unsinn, so scheint es manchmal, umso größer die Plausibilität der Behauptung.

In weltweit einsehbaren Foren (das Wort „Forum“ kommt aus dem lateinischen und bezeichnet einen Platz, auf dem „Aug in Aug“ und in Kenntnis der Person auf mehr oder weniger hohem Niveau Argumente ausgetauscht wurden und der andere jeweils überzeugt und nicht niedergemacht werden sollte) werden dort von meist immer den gleichen Personen, negative bis hasserfüllte Kommentare eingetippt, die sich jeweils selbst in ihrer Weltsicht bestätigen und zuweilen sogar aufschaukeln, bis selbst die Verfechter solcher Foren merken, dass es aus dem Ruder läuft und Beiträge tilgen.

Sie sehen sich dann selbst plötzlich dem Vorwurf der Meinungsmache und Zensur ausgesetzt und kommen in Erklärungsnot. Ich selbst habe ja schon mehrmals betont, dass eine Meinung, die nicht mit Klarnamen geäußert wird, lediglich ein Erweis von Feigheit ist und verboten werden sollte. Wer Kritik hat, soll sie äußern und zu ihr stehen und möglichst bessere Vorschläge für die als falsch behauptete Realität machen. Das täte unserem Land und unserer Gesellschaft gut. Alles andere ist destruktiv und baut nichts Gutes auf.

Der „Aufreger des Tages“ aber ist demaskierend. Unter dem Vorwand, dass wir Zugang zu allen Informationen weltweit haben müssen, werden wir nämlich gelenkt - jedoch anders als gedacht. Jeden Tag wird eine andere „mediale Sau“ durchs Dorf getrieben. Wir werden nicht in unserer Meinung gelenkt, sondern wir werden von unserem Leben abgelenkt.

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, wenn in Südamerika ein Drogenkartellverteilungskrieg stattfindet, ein Erdbeben Häuser wackeln lässt, wieder ein a-sozialer Reicher seinen Reichtum auf Kosten der Allgemeinheit vermehrt und ein anderer a-sozialer Mittelschichtler (und das sind wir alle, im Vergleich zu übrigen Welt, also auch die bei uns nicht so Begüterten) seinen Vorteil aus einer Sache zieht, dann wird das aufbereitet und aufgebauscht und tagelang, manchmal nur stundenlang auf allen Kanälen gesendet. Wir werden beschäftigt. Wir haben keine Zeit mehr, uns mit uns selbst zu beschäftigen und was da womöglich im Argen liegt.

Klammheimlich ist manche*r sogar dankbar dafür, denn wenn ich mich über Politiker Martin Schultz aufrege, der heute das sagt und morgen das andere tut, dann brauche ich mich nicht damit zu beschäftigen, dass mir das auch schon passierte, womöglich ständig passiert.
Solange ich über andere reden kann, muss ich mir keine Gedanken über mich selbst machen. Dann kann ich in die Tasten hämmern, mich über andere mokieren und mich in einen Zorn steigern und habe am Abend das Gefühl, heute habe ich es mal allen gezeigt. Ich bin wer, ich habe (k)eine Meinung und (k)einen Plan, wenn man nur mich mal ließe… Aber mit meinem Namen einstehen will ich dafür nicht. Wer mich kennt wüsste womöglich, dass ich selbst einige „Leichen im Keller“ habe. Lieber den schlauen Anonymus spielen.

Was wäre es für ein Lichtblick für unsere Gesellschaft, ja mehr noch für unsere Familien, wenn wir uns nicht mit anderen und deren Verfehlungen beschäftigten, sondern mit uns selbst. Statt in die Tasten zu klimpern und uns über andere aufzuregen, lieber etwas mit unseren Kindern und Enkeln unternehmen, mit ihnen, bei der Kälte, Brettspiele spielten oder in die Therme gingen. Von Ihnen erführen, wie sie sich ihre Welt erklären und zuhören, denn womöglich lernten wir von Ihnen noch dazu. Mit Ihnen unsere Sichten austauschten und uns für neue Ein- und Weltsichten öffneten. Das täte Vielen, wenn nicht allen gut.

Ich habe mit meinen Enkelinnen viele Gespräche und zum Teil intensive Auseinandersetzungen in bestimmten Fragen. Sie sind aktuell 16 und 17 und ich gebe unumwunden zu, dass ich durch diese Gespräche Vieles neu sehen gelernt habe. Ich konnte meine Meinung revidieren (lat.: „wieder hinsehen“, d.h. neu sehen), weil sie eingeschränkt war, wie unser aller Meinung „beschränkt“ ist, wenn wir nicht offen für andere und anderes bleiben. Niemand kann das ganze Universum in sich vereinen.

Im Johannesevangelium wird von einem hoch angesehenen und sehr klugen Gelehrten erzählt, der das Gespräch mit Jesus sucht, weil er bestimmte Dinge nicht versteht (Joh 3,1-21). Er scheut sich nicht zuzugeben, dass er Dinge nicht versteht. Er sucht das Gespräch, um intellektuell und menschlich zu wachsen und zu reifen. Das ist wahre Klugheit: nicht anonym, sondern Aug in Aug, sich einzugestehen, dass ich nicht alles weiß. Das Gespräch zu suchen, den Austausch, zu verstehen und dieses neue Wissen anzuwenden und auch dann noch nicht zu behaupten alles zu wissen. Dabei meine Nächsten in Familie und Gesellschaft im Blick zu behalten und mit Ihnen nach dem Besten für sie und mich zu suchen. Wäre das nicht ein Lichtblick für uns alle? Denken wir darüber nach und scheuen wir die schnellen Antworten, sondern suchen wir sie gemeinsam, wie der Gelehrte Nikodemus mit Jesus zum Wohle aller.

Ein gesegnetes und nachdenkliches Wochenende wünsche ich Ihnen,
Superintendent Bálint
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